Mitteleuropa 2020



2020 scheint mir nichts mehr zu sein wie es einmal war. Im öffentlichen Raum ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Überall soll man sich die Hände desinfizieren und die Wirtschaft ist am kämpfen.

Es ist Sommer und es ist Urlaubszeit, jeder möchte verreisen um mal den Kopf frei zu bekommen, von dem was die letzten Monate alles passiert ist. Doch wohin verreist man während einer anhaltenden weltweiten Pandemie, wo man dennoch Entspannung findet und weitestgehend Menschenkontakt vermeidet? So entschied ich mich auf meine Simson zu setzen und einfach loszufahren. Den Risikoländern aus dem Weg zu gehen und schauen, wohin es mich treibt. So bepackte ich am Freitag, den 07.08.2020 wieder meine S50 und fuhr einfach los.

 

 

1. Tag      07.08.2020   Neukirch/Lausitz - Wroclaw (ehemals Breslau)  235km

 

Innerhalb 30 Minuten packte ich alles was ich auf die Reise mitnehmen möchte und hoffte, dass ich nichts großes vergessen habe. Noch müde von der Dienstreise von der ich gerade kam schnallte ich die Taschen auf die Seitengepäckträger. Das letzte Mal bin ich Moped am letzten Tag von meiner Rückkehr von der Sahara-Tour 2017 gefahren. Gute 3 Jahre ist es nun her und ich weiß noch nicht einmal wirklich, ob die Simson gut fährt. Hauptsache weg und der Rest regelt sich unterwegs, so waren meine Gedanken.

Früh 8:15 Uhr fuhr ich los und ich entschloss mich spontan heute nach Wroclaw zu fahren. Es war ein tolles Gefühl, mal wieder diesen Aufbruch zu spüren, den ich 2015 nach London hatte. Ab Mittag drückte die Sonne sehr und es wurde unerträglich heiß. Sehr zeitnah begann nun auch mein Hintern zu schmerzen. Ich musste mich erst einmal wieder an das Sitzen gewöhnen. Kurz vor Wroclaw wurde der Verkehr zunehmend stärker und bei jeder roten Ampel schwitzte ich mich kaputt. Die erste Nacht verbrachte ich auf einem Zeltplatz am Stadtrand. Als ich auf den Zeltplatz fuhr, da kamen von weiter Entfernung deutsche Rufe "Nee, was machst du hier?". Es war Falk aus Ulm, den ich auf meiner Sahara-Tour 2017 kennen lernen durfte. Er besitzt in Ulm einen Laden für Simson- und MZ Motorräder. Wir begrüßten uns fröhlich und quatschten ein bisschen. Er war mit seiner Frau auf einer MZ unterwegs. Er hat über die Simson-Mopeds ein sehr hohes Wissen, was ich auf dieser Reise noch zweimal brauchen werde. Zum Abend fuhr ich mit der Straßenbahn in die Innenstadt und schaute mir alles an. 

 

2. Tag      08.08.2020   Wroclaw (ehemals Breslau) - Krakau   304km

 

Beim Zeltabbau merkte ich schon wie die Sonne am Morgen drückte und so fuhr ich schon 7:30 Uhr bei warmen Temperaturen los. Mein heutiges Ziel sollte Krakau sein. Zum Frühstück gab es am Supermarkt ein kleines Stück Kuchen, was bis zum Abend das letzte Essen gewesen sein soll. Unterwegs machte ich Halt in Oswiecim an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Am Eingang befand sich eine große Schlange an Menschen. Durch die Corona-Schutzmaßnahmen dauerte alles ein wenig länger. So bekam ich eine Führung durch ein Stück deutsche Geschichte. Vor Ort ist sowas immer schwer zu realisieren, was damals hier passiert ist, aber Fakt ist, dass es nun einmal geschehen ist. 18 Uhr saß ich dann wieder auf der Simson und fuhr die letzten 60km nach Krakau. Unterwegs dachte ich über das Erlebte nach. Ich stellte mir die Frage, warum so viele Menschen in Deutschland wieder für ihr heiliges "Reich" auf die Straßen gehen und die Reichsflagge nach oben halten. Es kann bzw. es muss die Dummheit sein, sich so etwas zu wünschen. Ein klar denkender Mensch kann sich nicht nach der alten Zeit sehnen. Dieses Gedankengut ist traurigerweise in Deutschland wieder salonfähig geworden.

Die Sonne ging nun langsam unter und ich erreichte den äußeren Stadtring von Krakau. Die Straße führte einen steilen Berg hinunter und ich fuhr im schwimmenden Verkehr bei 70km/h mit. Plötzlich kam von der Seite ein Auto herausgefahren und es nahm mir die Vorfahrt. Zum Glück war neben mir in diesem Moment kein Auto und ich konnte beim Bremsen seitlich leicht ausweichen. Ansonsten wäre ich frontal darauf gefahren. Meine Gastgeberin für die nächsten zwei Nächte in Krakau hieß Sylwia. Ich kenne sie aus Chemnitz, weil sie mal zusammen mit ihren Freundinnen über Couchsurfing bei mir geschlafen hat. Sie ist erst gerade in ihre neue Wohnung eingezogen und so standen noch überall Kisten herum und das Badezimmer war auch gleich mit vorübergehend die Küche. Als ich ankam, wartete Sylwia schon auf mich und hatte mir ein leckeres polnisches Gericht zubereitet.

 

3. Tag     09.08.2020  Krakau   

 

Da ich auf dieser Reise keine Zeitnot hatte, konnte ich mir einen Tag Pause in Krakau genehmigen. Meine Gastgeberin nahm sich heute extra für mich die Zeit, um mir die Stadt zu zeigen. Wir starteten nach einem tollen Frühstück gemeinsam ins Zentrum. Bis zum Abend liefen wir durch die komplette Innenstadt um alles zu sehen. Zum Schluss waren wir noch im jüdischen Viertel und haben eine Synagoge besucht. 22 Uhr waren wir dann einfach nur noch geschafft und legten uns schlafen.

Teil 2

4. Tag      10.08.2020   Krakau (Polen) - Kosice (Slowakei)  280km

 

Nach dem Frühstück startete ich nach Süden, genauer gesagt in die Slowakei nach Kosice. Sylwia gab mir noch ein Lunchpaket mit, dass damit ich etwas zum Mittagessen habe.  Umso näher ich zur Grenze fuhr, desto bergiger wurde die Landschaft. Vom polnischen Flachland wurde es nun schlagartig zum Gebirge. Der Motor hatte durch die Hitze und die Steigungen stark zu kämpfen, aber dies war für meine Simson natürlich kein Problem. Während ich langsam die Berge hinauf fuhr, machte ich mir Gedanken, wohin ich morgen weiter fahren möchte. Bleibe ich erstmal in der Slowakei oder fahre ich doch noch etwas südlicher? Mir kam plötzlich in den Sinn, dass ich doch auch nach Rumänien fahren könnte, ans Schwarze Meer. Ich kontrollierte direkt die Liste der Risikogebiete vom Robert-Koch-Institut (RKI) und konnte das Land Rumänien noch nicht entdecken. Mein neues Ziel war klar: Ab nach Rumänien an das Schwarze Meer. Zum frühen Nachmittag ca. 15 Uhr erreichte ich die Stadt Kosice. Ich übernachtete auf einem Zeltplatz am Stadtrand. Nachdem ich mein Zelt aufgestellt habe, bin ich über die Taxiapp "Bolt" ins Zentrum gefahren. Dort besuchte ich den Dom und machte einen Spaziergang durch die Stadt. Kurz bevor ich mich zum schlafen legte, checkte ich noch einmal die RKI-Liste der Risikogebiete. Rumänien ist nun offiziell zum Risikogebiet erklärt. Morgen brauche ich einen neuen Plan.

 

 

 

5. Tag      11.08.2020   Kosice (Slowakei) - Budapest (Ungarn) 286km

 

Nach dem Aufwachen schaute ich mir erstmal die Landkarten an, wo ich heute hinfahren könnte. Die letzten Tage waren teilweise unerträglich heiß und so dachte ich mir, dass eine Abkühlung im Balaton ganz gut tun würde. Nach dem Bepacken fuhr ich nach Ungarn. Die Straßen waren nun deutlich schlechter als in Polen oder in der Slowakei, aber dafür konnte man in fast jedem Dorf eine Simson entdecken. Auf dem Wetterradar war für heute Regen gemeldet. Allmählich wurde es deutlich dunkler und Regenwolken zogen auf. Ich hatte nicht wirklich Interesse beim Regen zu zelten und so buchte ich mir spontan ein Zimmer in Budapest. Zwischendurch regnete es, aber sobald ich in Budapest war, hatte ich wieder Sonnenschein. Im Zentrum an der Kettenbrücke gab es plötzlich einen Knall und darauf folgten Fehlzündungen. Das Moped hielt gerade noch so bis zum Hostel durch. Am Hostel war niemand anzutreffen, und drinnen waren alle Fenster dunkel. Was nun, ich hatte keine Unterkunft? Bezahlt hatte ich leider schon, aber es wurde bald dunkel und ich brauchte einen Schlafplatz. Nun musste ich in direkter Umgebung eine Unterkunft zu Fuß suchen, da nun die Simson überhaupt nicht mehr startete. So schob ich die Simson die Straße entlang und nahm das erste Hotel, das ich gefunden habe. 150€ zahlte ich für zwei Nächte. Einen zusätzlichen Tag muss ich für die Reparatur einplanen. Nach über 24.000km Simson-Reisen hatte ich meine erste Panne. Kein schlechter Schnitt, war mein Gedanke. Und dass die Simson in Budapest kaputt gegangen ist, war auch ein Segen. Hier bekomme ich definitiv Hilfe! Der Abend war dann wieder verregnet und so blieb ich im Hotel.

 

 

 

6. Tag      12.08.2020   Budapest (Ungarn) 24km

 

So zeitig wie möglich bin ich heute aufgestanden um den Tag durchzuplanen. Ich suchte mir über Google-Maps eine Werkstatt für Mopeds, wo ich eventuell Hilfe bekommen könnte. Das Moped ist zum Glück heute früh angesprungen und ich konnte die 10km bis zur Werkstatt zurücklegen. Meine größte Angst war es, das Moped die ganze Strecke schieben zu müssen. Ich kam an der Werkstatt "Tabori Tuning Motorszerviz" an. Draußen stand eine Simson vor der Tür und ich wusste, dass ich hier richtig bin. Ich wurde freundlich empfangen und versuchte mit Gestiken zu erklären was das Problem ist. Der Besitzer nickte zuversichtlich und meinte, ich sollte am Nachmittag wiederkommen. Ich fuhr dann mit dem Taxi ins Zentrum und setzte mich auf eine Bank. Ich war gerade erst angekommen und ich bekam einen Anruf, dass ich bitte schnell zurückkommen soll. Mit dem Taxi fuhr ich zurück zur Werkstatt und der Besitzer hatte einen Verwandten organisiert, der Deutsch sprechen konnte. So habe ich das Problem nochmal ordentlich erklären können. Danach blieb ich aber unmittelbar in der Nähe und setzte mich 6 Stunden an die Donau und schaute auf das Wasser. Ständig 15€ pro Strecke mit dem Taxi möchte ich nicht bezahlen. Zum Mittag verschlug es mich zwischenzeitlich in ein Kaufhaus. Dort kaufte ich mir eine Landkarte für Kroatien und Italien. Mein Plan war es nun, dass ich vielleicht nach Kroatien fahre und dann mit der Fähre nach Italien übersetze, und mir San Marino anschaue. Mein Moped wurde dann am Nachmittag auch fertig und ich war sehr zufrieden. Das Moped lief wieder wie gewohnt. Der Werkstatt bin ich sehr dankbar über die schnelle Hilfe und wir klebten einen Sticker von der Werkstatt auf mein Moped. Nun konnte der morgige Tag kommen!

Generell hatte ich heute sehr viel Hilfsangebote über Facebook erhalten, von Leuten, die in Budapest wohnen. Für diese Hilfe war ich sehr dankbar und zeigte wieder einmal die Hilfsbereitschaft gegenüber mir als Ausländer.

 

 

 

7. Tag      13.08.2020   Budapest (Ungarn) - Vonyarcvashegy (Ungarn)   214km

 

Sehr schleppend kam ich durch den warmen morgigen Verkehr in der ungarischen Hauptstadt voran. Irgendwann fuhr ich auf dem Fahrradweg in Richtung Stadtrand. Ich wollte schließlich heute noch am Balaton ankommen. Unterwegs passierte heute nicht viel Aufregendes und so erreichte ich sehr zeitnah mein Tagesziel. Mein Plan war es heute zu zelten, aber die Wetterprognose meinte es nicht gut mit mir. In 3 Stunden soll es schon anfangen mit starkem Regen und Gewitter. So buchte ich kurzerhand mir eine günstige Unterkunft. Ich beeilte mich nun, dass ich wenigstens mal kurz in den Plattensee rein springen kann.

Der Abschnitt zum baden war eine Touristenhochburg und die Leute lagen fast aufeinander. Überall nur Deutsche, die scheinbar von der Abstandsregelung zu diesen Zeiten noch nie etwas gehört haben und diese konsequent ignorieren. Ich war ungefähr 10min im Wasser und danach machte ich mich aus dem Staub. Mir ist es schleierhaft, wie Leute sich so überhaupt entspannen und den Urlaub genießen können. Aber jeder soll selbst entscheiden. Es gibt genügend Menschen, die kritisch auf meine letzte Reise schauen und sich dasselbe über mich fragen...

Die Sonne blieb allerdings noch bis zum Schluss. Der Regenschauer kam erst über Nacht. 

Fortsetzung folgt...

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